Wie mir die Ernte der Oliven zur Heilung verhalf

Seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, fühle ich mich zerrissen. Zwischen zwei Welten, zwei Kulturen, zwei Leben. Als Kind sogenannter Gastarbeiter in vierter Generation. Ich stolperte auch schon über den Begriff „Migrantentochter“, womit ich mich auch recht gut identifizieren kann. Es geht mir seit frühester Kindheit genauso: zerrissen, auf der Suche nach Identität.

Die schmerzhaften Worte der Zugehörigkeit

„Du sprichst aber gut Deutsch.“ Ich wette, den Satz haben ausnahmslos alle Migrantenkinder mindestens einmal in ihrem Leben gehört. In diesen Momenten wurde mir schmerzhaft klar: Ich gehöre nicht dazu.

Allerdings wurde ich oft auch in meiner eigenen Community und Familie mit Sätzen wie „Dein Arabisch ist aber nicht sehr gut“ oder „Verhalte dich nicht respektlos“ konfrontiert. So fing ich an, alles abzulehnen, was arabisch und ausländisch war. Was hätte ich gegeben, blond und blauäugig zu sein?

Der verzweifelte Wunsch nach Normalität

Aber das Aussehen war nur der Anfang. Ich hätte gerne das Leben von Steffi oder Lisa geführt. Als freiheitsliebender Mensch hätte ich alles gegeben, jeden Tag bis in die Puppen unterwegs zu sein. Anziehen dürfen, was ich will. Mich frei entfalten, wie ich das möchte. Einfach all das, was die deutschen, westlichen Freundinnen auch durften.

Also fing ich an zu lügen, dass sich die Balken bogen, nur um einen Bruchteil dessen zu erleben, was meine blonden Weggefährten durften. Mein Leben bestand in der Regel aus Haushalt, Geschwister hüten oder im Geschäft aushelfen. Ich möchte meine Eltern keinesfalls als Rabeneltern hinstellen. Sie wussten es einfach nicht besser und sie haben es so gut gemacht, wie sie konnten.

Ich durfte lange ein Instrument ausüben und zum Sport gehen. Allerdings hatte es für mich immer einen bitteren Beigeschmack, weil ich wusste, die Zeit könnte ich auch bei und mit meinen Freunden verbringen. Und so meldete ich mich für Sport und Musik ab, um die wenige Zeit in sinnlosem, aber für mich coolem Abhängen zu verbringen. Meinen Eltern erzählte ich natürlich, dass ich im Unterricht war. So hangelte ich mich 18 Jahre lang mit Lügen, Abhängen, Verpflichtungen durch.

Die vermeintliche Freiheit und ihre Leere

Mit 18 hatte ich die Möglichkeit auszuziehen. Diese Chance ergriff ich natürlich sofort und studierte etwas, was ich rückblickend nie wieder machen würde. Es war allerdings mein Ticket in die vermeintliche Freiheit. Ich stürzte mich von Party zu Party bis in die frühen Morgenstunden, unersättlich bis zum Erbrechen, aus Furcht etwas zu verpassen. Diese Eigenschaft steckt bis heute in mir, nur weiß ich heute damit umzugehen.

Nun hatte ich mein deutsches Leben, meine Freiheit. Nur warum stellte sich das Gefühl von Fülle, von Angekommensein nicht ein? Umso älter ich wurde, umso mehr merkte ich, dass ich die Anteile meiner Wurzeln nicht leugnen, nicht einfach abstellen konnte. Sie sind Teile von mir und meiner Identität. Gefühlt war der entscheidende Wendepunkt die Geburt meines ersten Kindes.

Der Wendepunkt: Wurzeln für die nächste Generation

Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, auch für ihn Wurzeln zu schlagen. Wie soll mein Kind Wurzeln schlagen, wenn ich keine hatte? Und so bat ich meine Eltern, mit meinem Sohn unsere Muttersprache zu sprechen. Ich kochte für Gäste unser Essen – Gerichte, die plötzlich hip sind, als Kind aber eher argwöhnisch quittiert wurden.

Die Reise zu den Wurzeln

Ein nächster großer Schritt auf meiner Suche war die Reise zum Geburtsdorf meiner Eltern und Ahnen. Ich entschied mich dieses Jahr, mit meinem Sohn bei der Ernte unserer Oliven zu helfen. Eine Arbeit, von der meine Ahnen Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lebten. Ich war 15 Jahre nicht mehr dort gewesen. Wie wird es nur sein? Werde ich mich fremd fühlen? Wie wird es meinem Kind gehen?

Wir wurden, wie erwartet, mit weit ausgebreiteten Armen empfangen. Drei volle Tage waren wir auf dem Feld mit Tagelöhnern und einheimischen Erntehelfern. Ich genoss es – die Ruhe, mich auf das Wesentliche, die Olive, konzentrieren zu müssen. Ich hieß Gespräche in meiner Muttersprache willkommen.

Der heilende Moment

Mein Sohn, vier Jahre alt, tobte durch die Felder, kletterte auf die Bäume. Die Helfer steckten ihm ständig einen Keks zu, küssten seinen kleinen Kopf. Das ist ein Zeichen der Zuneigung in unserer Kultur. Mittags setzten wir uns auf Decken unter die Bäume, die Schatten spendeten, und teilten unsere Speisen und Getränke.

Wie privilegiert sind wir eigentlich? Sie haben wenig und geben alles. Wir mussten alles kosten. Schwarztee wurde auf einem kleinen Gaskocher erhitzt. Selbstgemachter Käse wurde gereicht und das selbstgepresste Olivenöl vom Jahr zuvor zum Tunken durfte nicht fehlen.

In diesem Moment spürte ich eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, spürte die Anwesenheit meiner Ahnen. Ich fühlte eine Fülle und Vollkommenheit. Ich fühlte mich angekommen. Es war ein kleines Feuerwerk, das sich aus der Körpermitte in alle Richtungen bis in die Finger, in den Kopf, einfach im ganzen Körper ausbreitete. Diese Reise ist sehr prägend für mich – quasi eine kleine Heilungsreise.

Die Versöhnung mit mir selbst

Abschließend bleibt mir zu sagen, dass ich mittlerweile das Beste aus beiden Welten herausziehe: meine arabischen Wurzeln und deutsche Flügel. Diese Vielfalt akzeptiere ich heute als Chancen, als Türöffner, als Teil meiner selbst.

Auch habe ich mein Äußeres für mich lieb gewonnen. Ich liebe meine tiefbraunen Augen, meine wilde dunkle Mähne und meinen Oliven-Teint. Es spricht auf den ersten Blick einen Teil meiner Geschichte.

Heute nehme ich es Menschen nicht mehr krumm, wenn sie mich fragen, woher ich komme. Ich kann es sogar mit Stolz erzählen.

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